Am vergangenen Mittwoch, dem 20.04.2011 fand vor gefüllten Rängen an der Universität Erfurt ein Streitgespräch zwischen der JUSO-Hochschulgruppe und der Liberalen Hochschulgruppe statt. Diskutiert wurde über das Thema „Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit im Bildungssystem“.
Zu Beginn der Veranstaltung verdeutlichten die jeweiligen Vertreter der Hochschulgruppen, Bernhard Kuske und Thomas Wagenknecht [LHG] sowie Hannah Brodersen und Ricardo Lerch [JUSO-HSG], ihre Positionen zu unterschiedlichen Aspekten der Thematik.
So formulierte zunächst Hannah die grundlegenden gesellschaftspolitischen Ziele der JUSOS, nämlich die Überwindung gravierender Unterschiede innerhalb unserer Gesellschaft. Hierbei berief sie sich auf das Grundgesetz welches u.a. fordert, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln sei. Ausdrücklich verwies sie auch darauf, dass hierbei nicht alle über einen Kamm zu scheren sein, sondern eine individuelle Betrachtung jedes einzelnen Mitglieds unserer Gesellschaft Prämisse sei.
„Im Bildungswesen ist nichts ungerechter als die gleiche Behandlung Ungleicher“ (H.B.)
Praktisch bedeutet dies den Abbau von Hürden im Bildungssystem, um gleiche Chancen auf Teilhabe unabhängig von gesellschaftlichen Schichten und des sozioökonomischen Hintergrundes zu schaffen. Wesentliche Ziele, die zu einer Verbesserung der Chancengleichheit beitragen zählte Ricardo auf:
- eine BAföG-Erhöhung an Stelle einer Ausweitung des Nationalen Stipendienprogramms
- ein Ausbau der individuellen Förderung von Menschen mit besonderem Förderbedarf
- kostenfreie Kindergartenplätze für alle Kinder
- längeres gemeinsames Lernen
- eine Gemeinschaftsschule an Stelle eines veralteten 3-Schichten-Schulsystems

Im Anschluss an die Ausführungen der JUSO-Hochschulgruppe positionierte sich die Liberale Hochschulgruppe (LHG).
„Wir sehen die Chancengerechtigkeit als Gegensatz zur Chancengleichheit, weil wir die Chancengleichheit aus pluralistischer Sicht ablehnen“ (B.K.).
Im Gegensatz zu den JUSOS stehe die LHG für eine Gleichbehandlung aller Bürger ein. Dies impliziert also auch die gleiche Unterstützung aller, unabhängig von den doch stark divergent zur Verfügung stehenden Ressourcen. Dieses Leitbild steht natürlich in klarem Widerspruch zum Kredo der JUSOS: „Starke Schultern müssen mehr tragen als schwache!“
Dennoch zeigten auch die Liberalen selbst Grenzen ihres Gedankenkonstrukts Chancengerechtigkeit auf. So sei das Verständnis von Gerechtigkeit doch stets individuell unterschiedlich.
An einem Beispiel versuchte Bernhard dann einen neuen Aspekt mit in die Debatte einfließen zu lassen und zwar „Werte“.
Er erzählte von einem Kind, das im Sommer am Bach mit seinem Vater Steine sammelt, wie er einst träumte, Metzger zu werden und davon, wie er von einer Nanny großgezogen wurde…
Doch der Punkt, auf den Bernhard hinaus wollte, sollte bald deutlich werden. Zumindest den Zuhörern, die nicht schon völlig abgelenkt von den vorherigen Ausführungen der Frage verfallen waren, was das überhaupt für ein Mensch sei, der ihnen da erzählte, dass er „Chancen nicht nur aus der systemischen Perspektive“ betrachte. Dem Kind, so die Ausführungen des LHG-Vertreters, würden natürlich in der Interaktion mit seinem Steine sammelnden Vater unterschiedliche „Werte und Empfindungen und Ziele vermittelt, die auch auf seine Chancen Einfluss nehmen können“. Je nachdem, ob der Vater Arzt, Apotheker oder kein Akademiker sei, was Bernhard an dieser Stelle ausdrücklich „unbewertet lassen“ wollte, würden sich also auch die Träume und Ideen des Kindes verändern.
Dem Zuhörer blieb die LHG an dieser Stelle eine klare Positionierung und detailliertere Darlegung des Leitmotivs „Chancengerechtigkeit“ schuldig. Es wurde lediglich deutlich, was der LHG nicht am Konzept der Chancengleichheit gefällt, keineswegs aber, was genau Chancengerechtigkeit dem gegenüber darstellt. So wunderte es wenig, dass anschließend alte Argumente wie die Finanzierung und die Individualität des Einzelnen der Chancengleichheit fälschlicherweise gegenübergestellt wurden, jedoch kein wie auch immer geartetes Konstrukt der Chancengerechtigkeit.
Im weiteren Verlauf diskutierten die Vertreter über Schlüsselfragen unseres Bildungssystems. So formulierte Hannah, es gehe den JUSOS keineswegs darum, dass alle Kinder und Jugendlichen später einen akademischen Abschluss erreichen müssten. Vielmehr gelte es, Potenzialität zu schaffen und Hürden abzubauen, um herrschende Ungleichheiten zu relativieren.
„Jeder muss die Möglichkeit haben, einen maximalen Bildungserfolg zu erreichen“ (H.B.).
Dem Argument entgegneten einzelne LHG-Mitglieder später, als das Gespräch für Nachfragen aus dem Publikum geöffnet wurde, mit der Aussage, dass es keine Belege dafür gebe, dass Kinder aus Arbeiterfamilien oder mit Migrationshintergrund einen höheren Bildungserfolg überhaupt für wichtig erachten würden. Woher ein junger Mensch die Ressourcen nehmen soll, derer es bedarf, um sich seines eigenen Verstandes zu bedienen (Kant) und um über den eigenen Horizont hinauszublicken, blieb von Seiten der LHG unbeantwortet. Dem Zustand der Reizarmut der meisten Sozialisationsinstanzen vieler Kinder in Deutschland begegnen die Liberalen mit dem Konzept einer zufälligen, natürlichen Selektion, in der es Verlierer geben muss. Matthäus-Effekte („wer da hat, dem wird gegeben werden“) werden nicht erkannt oder als von Gott gegeben angesehen. Ergebnisse zahlreicher Studien der empirischen Bildungs- und Sozialisationsforschung, die Ungerechtigkeiten im Bildungswesen eindeutig aufzeigen, sind scheinbar nicht durchgedrungen.
Leider muss an dieser Stelle auch festgestellt werden, dass nicht alle Anwesenden über einen geerdeten politischen Kompass frei von Ressentiments verfügen. So sprach sich eine Zuschauerin zwar zunächst für eine der beiden politischen Denkrichtungen aus, konstatierte kurz danach jedoch, dass Deutsche mit Migrationshintergrund und Ausländer das Erlernen der Landessprache ablehnen würden.
Alles in allem ist jedoch ein positives Fazit zu ziehen: Der Sinn und die Notwendigkeit eines Streitgesprächs zu genau dieser Thematik offenbarte sich allen Teilnehmern, trotz teilweise stark unterschiedlicher Meinungen. Die LHG und die JUSO-Hochschulgruppe ließen den Abend gemeinsam in studentisch-politischer Atmosphäre im Double B ausklingen.